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Faust 2015 > Ebene 18 Dialog 3 / Margarethes Zimmer
18 Dialog 3 / Margarethes Zimmer
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Szenenbild 01
Die beiden Bilder (Originaltitel: „Wald und Höhle“ und „Gretchens Stube“ werden in einem Bühnenbild alternierend zusammengefasst. Margarethes Zimmer entspricht dem Szenenbild 01 aus „12 Abend“. Ein üppiger, farbiger Rosenstrauß auf dem kleinen Tisch. Der Monolog Margarethes wird wie der von ihr „Osterspaziergang“ vorgelesen. Wie eine Prophezeiung wirkt diseser weitere Inhalt der Faustgeschichte auf sie.
Die Szene „Wald und Höhle“ spielt sich auf dem Dach der Stube ab, dem flach gelegten riesigen Kreuz.
Szenenbeginn in absoluter Dunkelheit. Das stehende Kreuz neigt sich noch vorn. Die Stube Margarethes bleibt noch unsichtbar. Während dieser Verwandlung ist bereits der Monolog Fausts hörbar. Faust läuft aus der Ferne kommend auf dem Mittelsteg des Kreuzes bis zur Vorderkante und setzt sich dort nieder, den  Kopf mit den Händen abgestützt. Er fühlt sich ohnmächtig. 
Wald und Höhle
 
Faust
Szenenbild 02
Erhabener Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich dich bat.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen.                       
O dass dem Menschen nichts Vollkommnes wird,
Empfind ich nun. Du gabst mir diese Wonne,
Die mich den Göttern nah und näher bringt,
Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr
Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech,
Mich vor mir selbst erniedrigt und zum Nichts,
Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt.
Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer
Nach jenem schönen Bild geschäftig an.
So taum`l ich von Begierde zu Genuss,
Und im Genuss verschmacht` ich vor Begierde.
Mephistopheles kommt amüsiert schlendernd wie zuvor Faust, einen Regiestuhl mitbringend, aus dem Bühnenhintergrund. Er klappt den Stuhl auf und setzt sich lässig in die Nähe Fausts. Faust erschrickt über die unerwartete Ansprache.
 
Mephistopheles   
Habt Ihr nun bald das Leben g`nug geführt?
Wie kann`s Euch in die Länge freuen?
Es ist wohl gut. dass man`s einmal probiert;
Dann aber wieder zu was Neuen!
 
Szenenbild 03
Faust blickt sich wütend zu Mephistopheles um, mustert ihn verächtlich und legt sich wieder auf den Boden, aber demonstrativ mit dem Rücken gegen Mephistopheles.
Faust
Ich wollt, du hättest mehr zu tun,
Als mich am guten Tag zu plagen.
 
Mephistopheles   
Nun, nun! ich lass dich gerne ruhn,
Du darfst mir`s nicht im Ernste sagen.
 
Faust
Das ist so just der rechte Ton!
 
Mephistopheles   
Wie hätt`st du, armer Erdensohn,
Dein Leben ohne mich geführt?
Und wär ich nicht, so wärst du schon
Von diesem Erdball abspaziert.
Dir steckt der Doktor noch im Leib.
 
Faust
Verstehst du, was für neue Lebenskraft
Mir dieser Wandel in der Öde schafft?
 
Mephistopheles   
Ein überirdisches Vergnügen!
In stolzer Kraft ich weiß nicht was genießen,
Bald liebewonniglich in alles überfließen,
Verschwunden ganz der Erdensohn.
Und dann die hohe Intuition -
 
Er macht die Gebärde, als ob er seinen Penis aus der Hose holt und ihn steif und groß Faust entgegenstreckt. Dabei lässt er seine Zunge heraushängen und leckt genießerisch ins Leere.
 
 
Mephistopheles   
Ich darf nicht sagen, wie - zu schließen!
 
Faust ist angewidert. Er hat sich während der letzten Worte Mephistopheles` erhoben und tritt ihm verzweifelt und ratlos mit größter Verachtung entgegen.
 
Faust
Pfui über dich!
 
Gretchens Stube
 
Szenenbild 04
Margarethes Stube wird hell. Margarethe ist bekleidet wie im vorigen Bild. Sie lässt ihre Hände über den Körper streichen, umfasst ihre Brüste und geht auf in den Erinnerungen an die Berührungen, die sie mit ungekannter, nie erahnter Wonne fühlen durfte. Sie atmet noch immer den berauschenden Rosenduft.
Beleuchtungswechsel.
Wald und Höhle
 
Mephistopheles   
Szenenbild 05
Und kurz und gut: ich gönn ihm das Vergnügen,
Gelegentlich sich etwas vorzulügen;
Doch lange hält Er das nicht aus.
Du bist schon wieder abgetrieben,
Und, währt es länger, aufgerieben
In Tollheit oder Angst und Graus.
Genug damit! - Dein Liebchen sitzt dadrinne,
Und alles wird ihr eng und trüb.
Du kommst ihr ar nicht aus dem Sinne,
Sie hat dich übermächtig lieb.
Panthyrann ist im Hintergrund erschienen und bleibt weit hinter Mephistopheles stehen.
Beleuchtungswechsel.
 
 
Gretchens Stube
 
Szenenbild 06
Margarethe vor dem Spiegel, lächelt, schüttelt ungläubig den Kopf. Sie geht zu dem kleinen Bücherbord und nimmt das Buch „Faust I/II“ heraus, blättert darin und findet nach einigem Suchen die besagte Stelle, überfliegt sie, lächelt. Sie liest halblaut, recht schnell und anfangs ohne weitere Betonung die folgenden Verse. 
Margarethe          
Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.
Wo ich ihn nicht hab,
Ist mir das Grab,
 
Sie unterbricht, setzt sich auf das Bett, stützt den Kopf auf die Hände.
 
 
Margarethe          
Die ganze Welt
Ist mir vergällt.
 
Beleuchtungswechsel.
 
Wald und Höhle
 
Mephistopheles   
Szenenbild 07
Erst kam deine Liebeswut übergeflossen,
Wie vom geschmolz`nen Schnee ein Bächlein übersteigt;
Du hast sie ihr ins Herz gegossen –
Nun ist dein Bächlein wieder seicht.
Er geht hart auf Faust zu, macht Anstalten, ihn durchzuschütteln.
 
Mephistopheles   
Mich dünkt: anstatt in Wäldern zu thronen,
Ließ` es dem großen Herren gut,
Das arme affenjunge Blut
Für seine Liebe zu belohnen.
Die Zeit wird ihr erbärmlich lang;
Sie steht am Fenster, sieht die Wolken zieh`n.
" Wenn ich ein Vöglein wär!" so geht ihr Gesang
Tage lang, halbe Nächte lang.
Einmal ist sie munter, meist betrübt,
Einmal recht ausgeweint,
Dann wieder ruhig, wie`s scheint -
Und immer verliebt!
 
Faust
Schlange! Schlange!                
 
Voller Spott macht Mephistopheles Faust zum Versager. Im Laufe der folgenden Texte bleiben beide Szenen immer mehr gleichzeitig beleuchtet. Mephistopheles schaut über das Zimmerdach auf Margarethe hinunter, reibt sich die Hände und sagt zu sich selbst, aber doch so laut, dass Faust es hören kann:
 
Mephistopheles   
Gelt, dass ich dich fange!
 
Faust hat die Worte gehört ohne bemerken zu können, dass sie nicht an ihn sondern in Richtung Margarethe gesprochen wurden.
 
Faust
Verruchter! hebe dich von hinnen
Und nenne nicht das schöne Weib!
Bring die Begier zu ihrem süßen Leib
Nicht wieder vor die halbverrückten Sinnen!
 
Mephistopheles   
Was soll es denn? Sie meint, du seist entfloh`n,
 
Mehr zu sich selbst als zu Faust spricht er die vielsagenden bedeutungsvollen Worte:
 
Mephistopheles   
Und halb und halb bist du es schon.
 
Gretchens Stube / Wald und Höhle
 
Margarethe          
Nach ihm nur schau ich
Zum Fenster hinaus,
Nach ihm nur geh ich
Aus dem Haus.
Sein hoher Gang,
Sein` edle Gestalt,
Seines Mundes Lächeln,
Seiner Augen Gewalt,
 
Szenenbild 08
Mephistopheles zaubert eine wunderschöne große dunkelgelbe mit roten Linien verzierte Rosenknospe hervor, geht damit vorsichtig an den Rand des Daches. Panthyrann steht nach wie vor schwach beleuchtet reglos an der gleichen Stelle wie zuvor ohne das geringste Minenspiel.
Mephistopheles hält sich die Rose vor das Gesicht, lächelt zynisch, bläst die Rose leicht an und wirft sie vorsichtig, mit zaghaftem Schwung in die Nähe des Rosenstraußes auf den Fußboden. Margarethe bemerkt den leisen Aufprall der Rose nicht. Erst während ihres weiteren Monologes fällt ihr Blick zufällig darauf. Sie erschrickt etwas, bückt sich und hebt die Rose vorsichtig auf, betrachtet sie und erfreut sich lächelnd ihrer Schönheit.
In dem Moment, in dem sie den Duft prüfen will, fallen die Blütenblätter mit einer für Rosenblätter ungewohnten Schwere zu Boden. Margarethe hält den leeren Stiel in der Hand.
(Die Rose muss vorher so präpariert sein, dass beim Auslösen einer Mechanik am Stiel restlos alle Blütenblätter herabfallen.) Dies ist der Zeitpunkt, an dem in das Gesicht Panthyranns Bewegung kommt. Er lächelt anerkennend, leicht mit dem Kopf nickend zu dem Einfall Mephistopheles`, ohne dass er die Rosenszene optisch wahrgenommen hat. Danach verfällt er sofort wieder in die starre Haltung.
Margarethe ist entsetzt, sieht ungläubig auf den Stiel und irgendwie kommt ihr eine Ahnung, weniger, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen vor sich geht, als dass sie diesen Wink wie ein Hinweis, ein Gleichnis, zu verstehen glaubt, ohne es deuten zu können. Sie ängstigt sich - ein Schaudern überkommt sie. Sie wirft den Stiel wie sich vor ihm fürchtend von sich weg, hält sich das Buch vor das Gesicht und beginnt zu weinen. Nur langsam kommt sie wieder zu sich.
Wald und Höhle
 
Faust
Ich bin ihr nah, und wär ich noch so fern,
Ich kann sie nie vergessen, nie verlieren;
Ja, ich beneide schon den Leib des Herrn,
Wenn ihre Lippen ihn indes berühren!
 
Mephistopheles   
Gar wohl, mein Freund! 
 
Faust
Entfliehe, Kuppler!
 
Mephistopheles   
Schön! Ihr schimpft, und ich muss lachen.
Nur fort, es ist ein großer Jammer!
Ihr sollt in Euer Liebchens Kammer,
Nicht etwa in den Tod!
 
Faust
Was ist die Himmelsfreud in ihren Armen?
Lass mich an ihrer Brust erwarmen:
Fühl ich nicht immer ihre Not?
Bin ich der Flüchtling nicht? der Unbehauste?
Der Unmensch ohne Zweck und Ruh,
Der wie ein Wassersturz von Fels zu Felsen brauste,
Begierig wütend, nach dem Abgrund zu?
Und seitwärts sie, mit kindlich dumpfen Sinnen,
Im Hüttchen mit dem kleinen Alpenfeld,
Und all ihr häusliches Besinnen
Umfangen in der kleinen Welt.
Und ich, der Gottverhasste,
Hatte nicht genug,
Dass ich die Felsen fasste
Und sie zu Trümmern schlug!
 
Er kommt in Ekstase.
 
Faust
Sie, ihren Frieden musst ich untergraben!
Du, Hölle, musstest dieses Opfer haben!
Hilf, Teufel, mir die Zeit der Angst verkürzen!
Was muss gescheh`n, mag`s gleich gescheh`n!
Mag ihr Geschick auf mich zusammenstürzen
Und sie mit mir zugrunde geh`n!
 
Gretchens Stube
 
Margarethe hat sich gefasst. Ihr Tonfall ist von ungewohnter Erregung, sie scheint plötzlich reifer, älter geworden. Das Erlebnis mit der Rose hat sie völlig anders als die Verse und ihre Sehnsucht nach dem geliebten Menschen in Erregung gebracht.
 
Margarethe          
Und seiner Rede
Zauberfluss,
Sein Händedruck,
Und ach, sein Kuss!
Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.
Mein Busen drängt
Sich nach ihm hin:
Ach, dürft ich fassen
Und halten ihn
 
Sie hat das Rosenerlebnis überwunden und ist beim Lesen wieder voller innerer Anteilnahme.
 
Margarethe          
Und küssen ihn,
So wie ich wollt,
An seinen Küssen
Vergehen sollt!
 
Sie wirft sich auf das Bett, die Arme nach hinten reckend, in der einen Hand das Buch festhaltend und kann die aufkommenden Tränen nicht unterdrücken. Sie weint vor Glück, vor Erwartung, vor Angst. 
 
Wald und Höhle
 
Mephistopheles   
Wie´s wieder siedet, wieder glüht!
 
Mephistopheles sieht  mit breitem Grinsen nach unten auf Margarethe.
Während dieser letzten Worte macht sich Mephistopheles zum Abgang fertig. Im Gehen bemerkt er kopfschüttelnd zu sich selbst
Und wieder zu Faust gewandt:
 
Mephistopheles   
Geh ein und tröste sie, du Tor!
Wo so ein Köpfchen keinen Ausgang sieht,
Stellt er sich gleich das Ende vor.
Es lebe, wer sich tapfer hält!
Nichts Abgeschmackteres find ich auf der Welt
Als einen Teufel, der verzweifelt.
 
Szenenbild 09
Margarethe hat sich auf den Bettrand gesetzt und beginnt, weiter zu lesen, aber still für sich, sie blättert vorwärts im Buch, mehr und mehr ahnend, das sich diese Geschichte wie ihre eigene darstellt und ihren furchtbaren unaufhaltbaren Gang nimmt.
Die Pause, die somit entsteht, lässt die gesamte tragische Leidensgeschichte dieser unschuldig Gestraften bewusst werden.
Margarethe erkennt zunehmend, in welche Richtung sich ihr Schicksal entwickelt. Sie beginnt zu zittern, sieht wieder den auf dem Fußboden liegenden Stiel der zerfallenen Rose, blickt wie versehentlich auf das leuchtende goldene Kreuz und ihre rechte Hand macht die Reflexbewegung des Bekreuzigens. Sie wirft sich auf das Bett und verfällt in einen Weinkrampf.
Damit wird die Bühne sehr langsam dunkel, Lediglich Panthyrann bleibt in seiner Starre länger als Margarethe schwach angeleuchtet und verschwindet rückwärts gehend von der Bühne. Einige Sekunden nach dem Verdunkeln ist noch das Weinen Margarethes zu hören.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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